28.12.2017, Greymouth

Vielleicht ist das ja eine alternative Nutzungsmöglickeit für den BER. Bei seiner Größe könnten täglich bis zu 1247 doppelte Regenbögen abheben, selbst bei Nachtregenbogenverbot.
Gleich neben dem neuseeländischen Regenbogenflugplatz lagen eine Einhornwiese und ein Delfintümpel, aber da war der Film im Handy alle.

 

4.1.  Milford Sound

Fun- und Extremsport sind ganz groß in Neuseeland. Man kann sich mit einem Auto einen Berg hochfahren lassen und dann mit dem Fahrrad die Straße wieder runterfahren. Man kann sich mit einem Helikopter auf einen Berg fliegen lassen und mit dem Fahrrad wieder runterrollen. Man kann von Brücken Bungee springen. Man kann aus Helikoptern Bungee springen. Überhaupt kann man alles mit dem Helikopter machen: durch Fjorde fliegen, jagen, Ski fahren, wandern, angeln, auf Gletschern picknicken, Hochzeitsanträge machen (so versprach es eine Broschüre). wer ein schlechtes Gewissen wegen der Umwelt hat, bucht seine Helikopterschachpartie oder was auch immer bei einem Anbieter der „Eco“ im Namen hat. Man kann Bergsteigen, Kaltwassertauchen, Jetbootfahren (und mit dem Helikopter zum Jetboot fliegen). Ich war auch ziemlich extrem: drei Tage offline! (Ohne Helikopter. Dafür mit Vogel.)

5.1. Milford Sound

Ich wollt keine Kitschbilder zu machen. Oder nur heimlich. Oder irgendwie seltsam und ironisch. Das Postkartenmotiv mit einer Meute Touristen im Vordergrund oder von Kloß fotogebombt oder etwas in der Art. Aber das Land macht einen echt fertig und alle schlechten Vorsätze zunichte. Wir haben einen Weihnachts- und Neujahrsreise die Westküste hinunter gemacht und obwohl wir manchmal gesagt haben: „Och nee, jetzt ist da schon wieder irgendwas unglaublich Schönes, ich kann’s nichtmehr sehen!“, sind wir aus dem Staunen nicht herausgekommen, waren manchmal sprachlos und sind abends von Schönheit besoffen ins Zelt oder ins Bett gefallen. Und die SD-Karte platzt vor Postkartenmotiven und Selfies vor Traumkulisse und ich kann es nicht ändern. Oft war nicht mal eine Touristenmeute für den Vordergrund zur Hand. 

7.1.

Zuerst habe ich, glaube ich, in der „Gebrauchsanleitung für Neuseeland“  von Joscha Remus davon gelesen und es stimmt: Neuseeländer sind so höflich, wenn du sie anrempelst, entschuldigen sie sich bei dir. Ich habe das in den vergangenen Wochen ungezählte Male ausprobiert, nicht aus Bosheit, sondern weil ich leider dauernd Leute anrempele, auf Füße trete und dergleichen, erst recht, wenn auf dem Bürgersteig alle anderen an Linksverkehr gewöhnt sind. Sie sind höflich und meist gut gelaunt, es wird viel gelächelt und ständig heißt es „sorry“ und „howareyoutodayfinethankyou“ und „awesome“, aber nicht wegen zymnischer Laserstrahlenaugen, sondern weil man zum Beispiel an der Supermarktkasse gesagt hat, dass man mit Cash und nicht mit Karte bezahlt. Hätte man gesagt, dass man mit Karte bezahlt, wäre das auch awesome gewesen.
Die Höflichkeit kommt sicher nicht immer von Herzen, sondern ist dem Neuseeländer so eingeprägt wie der Linksverkehr, aber ich finde es trotzdem gut.
Früher war ich ein Fan des … nennen wir’s „Berliner Weges“. Man könnte es auch das Norbert-Prinzip nennen. Vorbeugende Pampigkeit und lieber ein Grunzen zuviel als ein einziges unehrliches Lächeln. Dabei ist alles viel angenehmer, wenn die Menschen lächeln und sich entschuldigen und auf einander Rücksicht nehmen, selbst wenn sie im Hinterkopf vielleicht die ganze Zeit „töten, töten, töten“ denken. 

(Abbildung: Serviervorschlag)

8.1. Christchurch

Und die Neuseeländer denken oft „töten, töten, töten“. Meine Lieblingszeitschrift ist der „More Pork Pig Hunter“ – ein ganzes Magazin voll mit Fotos von toten Wildschweinen und stolzen JägerInnen, mit rührenden Geschichten über verstorbene Hunde, die in ihrem kurzen Leben an mehreren hundert Wildschweinjagden beteiligt waren, und mit Jugendseiten, auf denen unter der Überschrift „My first pig hunt“ Fotos und Geschichten von Kindern mit Kindergewehren und toten Kinderschweinen versammelt sind. Wenn ich „Lieblingszeitschrift“ schreibe, dann meine ich das im Sinne von „Lieblingshorrorfilm“ und „Lieblingsverkehrsunfall“.
„Yes, there is definetely a gap between town and country kiwis“, sagt town-kiwi Fiona, als ich ihr den „More pork“ (Ausgabe 6/17 – ich hoffe , 1/18 kommt vor unserer Abreise) zeige.


Apropos Verkehrsunfall: Wichtigste Jagdmethode auf der Südinsel Neuseelands ist der Roadkill. Auf einer Fahrt über Land habe ich versucht zu zählen, aber aufgehört, als ich nach einer Stunde und mehr als einem Dutzend toter Possums durcheinander gekommen bin. Possums sind Beuteltiere mit hübschem Fell und vielleicht ist das Wort „possierlich“ von ihnen abgeleitet, aber das ist in dem Zustand, in dem sie auf den Straßen herumzuliegen pflegen, nicht mehr verifizierbar. Das Verhältnis „Anzahl der Autos : Anzahl der überfahrenen Possums“ lässt mich an eine Verwandschaft mit den Lemmingen denken. Ich schätze, sie verstecken sich im Gebüsch, bis endlich ein ahnungsloses Auto daherkommt und springen im richtigen Moment vor die Stoßstange.

(Don’t shoot, just drive!)

10.1. , Christchurch

Ich bin so stolz: Gleich die erste Zeichnung der Tochter wird im Contemporary Art Space „The Physics Room“ Christchurch, einer renommierten Galerie am anderen Ende der Welt, ausgestellt*! Das Werk trägt den Titel „Papa ist der Beste“ (Kuli auf Papier und Post-It, 2018)**. Wo sind die Grenzen? Universum, schau auf dieses Mädchen! (Gebote werden per PN entgegengenommen.)

*An der Küchenwand unserer Künstlerwohnung eine Etage unter der eigentlichen Galerie, um genau zu sein aber, ich meine, hallo?!

** alternativer Titel: „Kubistisches Spiegelei“

11.1.

Nur um nicht weiter mit schönen Fotos zu langweilen: Neuseeland kann auch so aussehen.

Das Wetter will uns langsam auf den Februar in Berlin vorbereiten. 
In drei Wochen sind wir zurück. Die Zeit hier hat ausgereicht, um mich zuhause zu fühlen. Es war ein echtes Heimkommen nach unserer „Reise in der Reise“ Richtung Südwesten über Weihnachten und Neujahr.
Ich werde nach den fast elf Wochen hier weniger vom Land gesehen haben als viele Kurzzeitbesucher, dafür habe ich ein kleines Fleckchen Neuseeland zu meinem eigenen gemacht, wen auch nur auf Zeit. Das geht soweit, dass ich inzwischen schon fast die unten abgebildete Ampelsituation verstehe (drei oder vier weitere Ampeln sind übrigens am Bildrand abgeschnitten). Und die Wohnung ist so sehr unsere geworden, dass es Ende Januar kein „Einpacken“ wird, sondern eher ein Ausmisten und Umziehen.